Nachdem ich vergangenen Herbst in den Vorstand des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V. gewählt worden bin, hatte ich gestern zum ersten Mal Gelegenheit, an einer Veranstaltung mit bundespolitischer Prominenz teilzunehmen. Da ich bereits mehrfach räumlichen Kontakt zu prominenten Personen (Bundespräsident Carstens, Bundesminister Töpfer, der Papst, Landesministerin Fischer, Landesminister Schartau) hatte, war dieses Ereignis für mich zwar nicht mit Lampenfieber verbunden, aber ich denke, dass dieser Bericht trotzdem interessant wird, zeigt er doch auch manche sonst unbemerkte Begebenheit. Ich warne den Leser jedoch vor, es handelt sich um eine persönliche Sicht der Dinge, es geht mir hier nicht um einen objektiven Bericht, sondern um eine subjektive, aber wahrheitsgemäße - manchmal auch gegen mich selbst schonungslose - Schilderung meiner Erlebnisse
Mit meiner wöchentlichen Vorstandspost bekam ich eine Einladung zum Festakt '50 Jahre Deutscher Behinderten-Sportverband'. Da ich innerhalb unseres Vorstandes u.a. den Bereich Sport übernommen habe und parallel bereits seit fast 30 Jahren Mitglied der Behindertensportgemeinschaft Lübbecke bin, interessierte mich die Teilnahme an diesem Festakt sofort und ich sagte unserem Vorsitzenden Herrn Reimann meine Teilnahme zu. Er übernahm es, uns beide anzumelden und sandte mir kurz vorher meine Einlasskarte zu.
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Der Festakt fand um 16.00 Uhr im großen Festsaal des Hamburger Rathauses statt. Als Festredner hatte Bundeskanzler Schröder zugesagt. Im Anschluss bat der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg zu einem Empfang. Da ich keine weiteren Informationen über Anfahrtsweg und Parkmöglichkeiten bekommen hatte, versuchte ich im Internet Informationen hierüber zu bekommen. Zwar konnte ich mir dort bereits das Innere des großen Festsaals ansehen, aber zu meinen Fragen fand ich nichts. |
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Weil ich schlecht abschätzen konnte, wie der Verkehr auf der Autobahn über Hannover nach Hamburg sein würde, entschloss ich mich, bereits um 12:30 Uhr loszufahren. Dreieinhalb Stunden sollten für 260 Kilometer Autobahn genügend Zeit lassen, um notfalls den Rollstuhl aus dem Kofferraum zu laden, falls die Wege im Hamburger Rathaus zu lang werden sollten.
Ich konnte dadurch den ersten Stau, als ich für sechs Kilometer 24 Minuten brauchte, locker wegstecken. Allerdings erwartete mich am Stadteingang von Hamburg noch ein ähnlicher Stau. Trotzdem konnte ich ruhig bleiben, mein Routenplaner führte mich exakt zur Rathausstraße. Zwar befand sich das Rathaus linker Hand und die Einbahnstraße führte mich nach rechts, aber es war ja erst zwanzig nach drei Uhr! Jeder der besser laufen kann, hätte sich jetzt in aller Ruhe einen Parkplatz gesucht und wäre dann zu Fuß zum Rathaus gegangen. Wahrscheinlich hätte ich das auch tun sollen, dann wäre die Zeit zwar auch knapp geworden, weil ich den Rollstuhl erst noch hätte ausladen und die Batterie anschließen müssen, aber es hätte sicher gereicht.
| Aber wenn der Behindertensportverband einen Festakt durchführt, dann muss es doch auch Behindertenparkplätze in unmittelbarer Nähe geben! Also auf zur Ehrenrunde durch Hamburgs Centrum. Klasse, jetzt kam ich direkt an das Rathaus heran. Aber wo waren die (Behinderten-)Parkplätze? Nix zu sehen, also nächste Ehrenrunde. Als auch die nächste Runde erfolglos blieb, parkte ich mein Auto und befragte die Taxifahrer. Der dritte (die ersten zwei ausländischen Mitbürger konnten meine spastische Aussprache nicht verstehen) wies mich zu einer Einfahrt. Der Wachbedienstete dort riet mir zurückzufahren und direkt hinter dem Rathaus zum Haupteingang zu fahren. Also meinen Benz auf der Stelle im dichten Verkehr gedreht. Doch wo war die Einfahrt? Nix zu sehen, also erst einmal den Rathausmarkt umrundet, rechts vom Haupteingang standen die gepanzerten Staatskarossen, aber wie waren die dort hingekommen und wo parkten die übrigen Normalsterblichen (wie ich)? Also auf zur dritten Ehrenrunde, wieder keine Einfahrt gefunden. Den Wagen erneut auf der Stelle gedreht und den freundlichen Bediensteten nochmals angesprochen, dieser geht nun zu Fuß vor, ich drehe wieder auf der Stelle und werde zwischen zwei Pollern direkt unter einem Fußgängerzonenschild hindurchgewunken. | ![]() |
Eine freundliche Polizistin stimmt zu, dass ich meinen Silberpfeil links vom Haupteingang abstellen darf. Man stellte sich dieses Bild vor: Der Haupteingang des Hamburger Rathauses, rechts mindestens fünf gepanzerte, dunkle Limousinen, links mein nagelneuer Silberpfeil. Aber zum Photographieren hatte ich jetzt keine Zeit mehr, es war zwei Minuten vor vier Uhr, auch der Rollstuhl musste im Kofferraum bleiben. Ohne letzten prüfenden Blick auf die Garderobe ging es hastig ins Rathaus.
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Dort warteten freundliche Menschen, die mich fragten, ob ich einen Fahrstuhl benötigte? Wer weiß, wo der war, ich nahm lieber direkt den Weg über die Treppe. Puh, was haben die früher große und lange Treppen gebaut - ich hätte doch lieber den Fahrstuhl nehmen sollen. Völlig aus der Puste und verschwitzt kam ich schließlich im großen Festsaal an. Dort saßen natürlich nahezu 700 Personen bereits auf ihren Plätzen und warteten auf den Beginn. Ob Herr Reimann, unser Vorsitzender, mir wohl einen Platz freigehalten hatte? Aber wo steckte der? Da ich keine Chance hatte, ihn zu finden, ging ich einmal den Mittelgang hinauf, vielleicht sah er mich ja. Nachdem ich drei Viertel der 60 Stuhlreihen abgeschritten hatte, kamen lauter dunkelblau gekleidete Herren und die ersten zwei Reihen waren noch frei, dort gehörte ich gewiss nicht hin, also zurück und einen der vielen Helfer am Eingang angesprochen und um einen Stuhl gebeten. Diesen bekam ich auch, indem jemand anders umgesetzt wurde. So saß ich nun völlig durchgeschwitzt in der 18. von 60 Reihen direkt am Gang und musste mich erst mal um meine Hörgeräte kümmern, denen mein Schweiß überhaupt nicht gut bekam. |
Im äußersten Augenwinkel bekam ich nur ganz am Rande mit, wie eine größere Menschentraube an mir vorbeirauschte und auf die ersten beiden Reihen zusteuerte, das konnte nur die gesammelte Prominenz sein. Kurze Zeit später begann die Veranstaltung mit einem kurzen Film über den Behindertensport in Deutschland. Währenddessen traf dann auch Walther Tröger als Nachzügler ein, der Präsident des NOK Deutschland.
Als erstes begrüßte der Präsident des Deutschen Behinderten-Sportverbandes, Theodor Zühlsdorf, die Anwesenden in einer kurzen fünfminütigen Ansprache, die &ndash wie allen Ansprachen &ndash auf der Großleinwand zusammen mit der Gebärdendolmetscherin vergrößert dargestellt wurde. Danach hielt Bundeskanzler Gerhard Schröder eine dreiviertelstündige Festansprache.
Der Bundeskanzler rühmte die Leistungen des Deutschen Behinderten-Sportverbandes und lobte die tätige Selbsthilfe. Er wies darauf hin, das noch vor gar nicht langer Zeit behinderte Menschen als Randgruppe galten, deren Diskriminierung und Benachteiligung sich bis in die Sprache hinein im Alltag fortsetzte. Durch die inzwischen erreichten Erfolge und die Pionierarbeit unternimmt unsere Gesellschaft inzwischen einige Anstrengungen, das Leben der Behinderten zu erleichtern und den Umgang untereinander selbstverständlicher werden zu lassen. Die Berücksichtigung der Belange Behinderter bei öffentlichen Projekten und die Ermöglichung selbstbestimmten Lebens Behinderter nannte er als Ziel seiner Politik. Dazu bedarf es allerdings der Mithilfe der Gesellschaft und der Eigeninitiative der Behinderten und ihrer Verbände. Hierbei spielt auch der Sport eine große Rolle, der persönlichkeitsprägende Aspekt des Sportes gilt für Behinderte wie für Nichtbehinderte.
Schröder wies darauf hin, dass Menschen mit Behinderung Anerkennung statt Mitleid wollen. Die Gesellschaft habe lange gebraucht, dieses zu verstehen. Schröder wies auf die Anfänge des Deutschen Behinderten-Sportverbandes als reine Selbsthilfeorganisation von Kriegsversehrten hin und nannte die Öffnung in den 70er Jahren für Unfallverletzte und Zivilbehinderte einen ebenso wichtigen und sinnvollen Schritt wie die Einrichtung von Therapiegruppen für Asthma-, Schlaganfall-, Herzinfarkt- oder Krebskranke. Im Behindertensport gibt es neben den üblichen Säulen des Leistungs- und des Breitensports eine dritte Säule, den Rehabilitationssport, der den Betroffenen hilft, Lebensfreude und Selbstvertrauen zurückzugewinnen.
Der Bundesregierung geht es darum, Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben Behinderter zu schaffen. Dazu gehört neben der weiteren Förderung des Behindertensports das Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter und das SGB IX, dem der Bundesrat vor wenigen Stunden zugestimmt hat. Die Zielsetzung beider Gesetze erläutert der Bundeskanzler kurz.
Zum Schluss kommt er zurück zum Behindertensport und lobt die tägliche Fernseh-Berichterstattung von den Paralympics, deren hervorragende Publikumsresonanz auch integrativ in die Gesellschaft hineinwirkt.
Gegen Mitte der Schröderschen Rede hatte ich endlich eines meiner Hörgeräte wieder funktionsfähig (das andere funktionierte erst zu Beginn der Rückfahrt wieder) und konnte der Veranstaltung auch akustisch folgen. Nach seiner Rede lauschte der Bundeskanzler mit uns der Musikdarbietung von Matthias Berg, einem Paralympic-Sieger, der auf dem Horn mit Klavierbegleitung von Rainer Edrich "Autumn Leaves" von Johnny Mercer intonierte. Bürgermeister Ortwin Runde beschränkte sich in seiner fünfminütigen Ansprache auf eine kurze Begrüßung. Nach dieser Rede seines Parteifreundes lies der Bundeskanzler sich um 17:05 Uhr wieder verabschieden. Unter großen Applaus verließ er den Festakt.
Walther Tröger, der auch Delegierter des IOC für den Behindertensport ist, würdigte die Entwicklung der Paralympics, deren Publizität immens gestiegen ist. Probleme bereitete dem IOC die Vielschichtigkeit der Behindertenolympiaden. Neben den Paralympics der Körperbehinderten gibt es im Behindertenbereich noch die Special Olympics der mental Behinderten und den Internationalen Gehörlosen-Sportverband, der sich nicht in die Paralympics integrieren ließ. Auch die Integration der Paralympics in die Olympischen Spiele erwies sich als nicht sinnvoll. Prof. Dr. Walther Tröger warb aber für die direkte Einbeziehung von behinderten Sportlern in die Wettkämpfe auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene.
Es folgte eine weitere Musikdarbietung von Matthias Berg "Hello, Dolly" und anschließend die Ansprache von Dr. Robert Steadward, dem Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC). Die englischen Ansprache wurde von einer Dolmetscherin übersetzt. Während der Übersetzung durch die Dolmetscherin blieb das Bild der Großleinwand leider wie üblich bei Dr. Steadward als Redner &ndash für mich als Hörbehinderten wäre der Schwenk auf die Dolmetscherin zum Ablesen des Mundbildes durchaus hilfreich gewesen. Dr. Steadward dankte für das deutsche Engagement bei der Gründung des IPC und wies auf den Sitz des IPC in Bonn hin.
Nach der letzten Musikdarbietung "Freilach" endete der Festakt und die Besucher begaben sich in die Nebenräume zum Empfang des Senates. Im dortigen Getümmel traf ich dann auf Herrn Reimann, der in der dritten Reihe vergeblich auf mich gewartet hatte. Wir konnten zwischen verschiedenen Getränken wählen und nutzten die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Nachdem Herr Reimann, der den ganzen Tag schon von Termin zu Termin unterwegs war, sich verabschiedet hatte, nahm ich noch kurz das warme Büfett in Augenschein. Aufgrund der dortigen Enge und da die Stehtische und Sitzgelegenheiten schon besetzt waren, verzichtete ich darauf, mich dort zu bedienen. Für mich ist es nicht ganz einfach, mich bei solchen Büffets ohne Hilfe zu bedienen und mit dem Teller im Gewühl sicheres Terrain zu erreichen. Da ich sowieso etwas "aufgelöst" war, sah ich davon ab, mir eine geeignete Hilfe zu suchen und trat kurz nach 18 Uhr die Heimreise an. Beim Herausgehen hatte ich das Glück, neben der offiziellen Festschrift noch eine Pressemappe zu ergattern, in der alle Redemanuskripte enthalten waren, so dass ich meine akustischen Probleme kompensieren konnte. Vor der Heimreise musste ich allerdings noch meinen Wagen vor dem Hauptportal des Rathauses photographieren, auch wenn von der gepanzerten Wagenreihe auf der anderen Seite nur noch ein Fahrzeug übrig geblieben war.
Nach einem weiteren Stau erreichte ich kurz vor neun Uhr wohlbehalten wieder meine heimatliche Garage. Für mich ging ein nicht ganz glatt gelaufener Tag zu Ende, mit dem ich aber dennoch sehr zufrieden war. Für unseren Verband war unsere Präsenz ebenfalls wichtig, stand doch in einer Presseveröffentlichung der Veranstalters: '... Sichtbarer Beleg dieser Integrationsleistung des DBS: die Anwesenheit der Präsidenten aller am Sport interessierten Organisationen wie Deutscher Gehörlosen-Sportverband, Verband Körper- und Mehrfachbehinderter, Special Olympics Deutschland, Bundesvereinigung Lebenshilfe, Aktion Mensch sowie Vertreter internationaler Behindertensportorganisationen. ...'
Diesen Bericht widme ich dem langjährigen Vorstandsmitglied der BSG Lübbecke Gerhard Müller, der eine Woche später, am 20. Mai 2001 nach fast 30 jähriger Vorstandsarbeit im Alter von 81 Jahren aus der Vorstandsarbeit verabschiedet wurde. Müllers Gerd hat all das, was Schröders Gerd auf Bundesebene gelobt hat, auf örtlicher Ebene vorgemacht. Deshalb habe ich ihm diesen Bericht heute anläßlich seiner Verabschiedung in schriftlicher Form überreicht.