Bünde, am Dienstag den 11.05.99

Hallo Leute,

eigentlich wollte ich mich - wie vor zwei Jahren aus Damp - wieder direkt aus der Kur melden. Ein Protokoll der ersten Woche hatte ich Euch schon geschrieben, bloß zum Modem anschließen und posten hat es dann nicht mehr gereicht. Deshalb hier nun mein Kurprotokoll:

Kurbericht aus Ahrenshoop
Knapp zwei Jahre nach meiner ersten Kur reichte ich zu Beginn dieses Jahres einen Antrag auf Übernahme der Kosten für eine erneute Kur bei meiner privaten Krankenversicherung ein. Nachdem ich um die erste Kur zwei Jahre kämpfen mußte, war ich gespannt, wie lange das Hin und Her nun dauern würde. Aber dann die Überraschung - binnen zwei Monaten hatte ich die gewünschte Genehmigung und mußte nun meine "stationäre Heilbehandlung" innerhalb von 8 Wochen antreten. Eigentlich viel zu früh, denn im Dienst befanden wir uns mitten in einer Umbruchphase und der nächste Umbruch kündigte sich an - da hatte ich der gesamten Chefetage in den letzten Wochen klarzumachen versucht, wie unbefriedigend die derzeitige Situation ist, und zu deren Bewältigung sogar zusätzliche Überstunden genehmigt bekommen und jetzt dieses! Was nun? Der Blick in den Kalender mit den kommenden dienstlichen Terminen bot eigentlich nur einen guten Termin: Gleich nach den Osterferien. Zwar hatte ich dann kaum Zeit zur Vorbereitung, weil die Kollegen in den Ferien alle Urlaub angemeldet hatten, aber irgendwie würde es schon gehen! Die Wochen bis zum Antritt der Kur waren zwar mehr als streßig, aber nach unaufschiebbaren und zum Teil recht anstrengenden Terminen in Kassel, Düsseldorf, Bad Homburg bei Frankfurt und mittendrin auch noch lieben Besuchern aus Wien, denen ich auch nicht absagen wollte, war dann der Tag der Abreise gekommen. Nach kurzem Abschiedsessen mit "meinen (Paten-) Kindern" mußten die letzten Klotten in den Koffer verfrachtet werden und die Reise konnte am Dienstag, den 13. April 1999 beginnen.
Als Kurort hatte ich mir dieses Mal Ahrenshoop in "Mec-Pom" ausgesucht. Im Hausprospekt der Damp GmbH hatte ich während der letzten Kur gelesen, daß diese auch ein kleineres Haus an der mecklenburgischen Ostseeküste betrieb. Da dieses Haus meine beiden Voraussetzungen "See-Wasser vor der Haustüre" und die von mir benötigten medizinischen Fachrichtungen erfüllte, wagte ich den Sprung auf die Ostseehalbinsel Darß. Zum einen wollte ich dieses Mal nicht in einen solchen Riesenkoloß wie Damp, zum anderen verspürte ich wenig Lust auf die Lieblingstherapie des dortigen Chefarztes, nämlich Ergotherapie, Ergotherapie und noch mal Ergotherapie. Ich empfinde es als viel nützlichere Ergotherapie, einen PC aufzuschrauben, dort drin herumzubasteln und selbst wieder zuzuschrauben, als z.B. Holzperlen auf eine Plastikschnur zu ziehen.
Gesagt, getan, die Routenberechnungsprogramme auf meinem PC boten Routen zwischen 450 und 600 Kilometern an, jenachdem, ob ich nun über Berlin, über Hamburg, mit viel oder wenig Landstraße fahren wollte. Bis zur Abfahrt wußte ich nicht noch nicht, welche Strecke ich nun fahren würde - nur die Reisegeschwindigkeit war klar: Weil ich mein Dreirad mitnehmen wollte, mußte ich mit Anhänger fahren, so daß 80 km/h das erlaubte Maximum waren.
Um 7.45 Uhr war es wirklich so weit, ich saß hinterm Steuer und die Fahrt konnte beginnen. Ich wagte dann die Autobahnfahrt über die A2 bis Hannover und war baß erstaunt, dort ohne Stau hindurchzukommen. Aufgrund der guten Ratschläge einiger Daheimgebliebenen unterließ ich dann den Trip um Berlin, sondern fuhr gen Hamburg. Dort dann auf die Berliner Autobahn und schließlich Richtung Rostock. Zwar ist die Küstenstrecke über Lübeck wesentlich kürzer, aber das Verkehrsaufkommen dort soll 'auch nicht ohne' sein, deshalb zog ich mit meinem Hänger die Autobahnroute vor. In Rostock ging es dann in die Pärie. Plötzlich ein Schild auf dem ich gerade noch 'Fischland/Darß' registrierte. also Steuer "hart backbord". Huch, was war denn jetzt? Ich war auf einer reinen Dorfstraße gelandet. Drehen widersprach meiner Ehre und war mit Hänger auch nicht ganz unproblematisch. Zum "AufdieKarrtegucken" hätte ich anhalten müssen, also immer der Nase nach, irgendwo würde ich schon rauskommen. Aber die Benzinuhr neigte sich gefährlich ihrem Ende zu, und in diesen kleinen Kaffs gab es mit Sicherheit keine Tankstellen. Egal, unter den Koffern hatte ich ja noch den Reservekanister. Als ich dann die nächste Hauptstraße erreichte, las ich, daß ich eine "Entlastungsstrecke Fischland/Darß" gefahren war. Ich hatte zwar keine "Entlastung" verspürt, aber zumindest hatte ich nun wieder einmal meine Meinung bestätiigt bekommen, daß die alten Ortskerne mit ihrem Kopfsteinpflaster keine teueren Verkehrsberuhigungsmaßnahmen benötigen. Ohne einen einzigen Blick auf die Karte erreichte ich schließlich fast mit dem letzten Liter Benzin im Tank die Reha-Klinik Ahrenshoop. Die Aufforderung eines Routenberechnungsprogrammes, in Ribnitz-Damgarten zu tanken, mißachtete ich wissentlich, schließlich war Ahrenshoop doch "gleich um die Ecke"! Daß dieses "gleich um die Ecke" dann doch noch 20 km waren, machte doch erst einen weiteren Reiz der Fahrt aus. Das letzte Stück ostdeutsche Landstraße hatte dann wenigstens das Gute, daß ich jetzt im Schnitt tatsächlich nur 80 km/h gefahren war. Gut gepeilt!
Nach der Anmeldung dann erst einmal "Zimmerbesichtigung". Klasse, oberstes Geschloß mit Blick aufs Meer! Später las ich, daß dieser Meeresblick bei Privatbuchungen 10 DM Aufpreis pro Nacht kostet. Das Telefon erschien auch unproblematisch, d.h. Anschlußmöglichkeiten für meine Technik einschl. Modem. Hier würde ich mich die nächsten Wochen wohlfühlen können. Mit etwas Phantasie hörte ich sogar das Rauschen der Wellen und würde die Muße finden, mit verträumten Blick aufs Meer ein wenig über mich, Gott und die Welt nachzudenken. Was hatte ich nicht alles für gutgemeinte Ratschläge mitbekommen:

Nimm nicht wieder so viel ab! Will ich wieder die Diät so rigoros
durchziehen? Das ich das kann, habe
ich mir ja in Damp mit 25 Pfund in 5
Wochen selbst bewiesen.
Schalte ab! Wovon genau?
Bring Dir ein "Ossi-Mädchen" mit! Will ich das überhaupt? Ich bin doch
hier nicht auf dem Thai-Markt!
Tu etwas für Deine Gesundheit! Das sowieso.
Gehe in die Sonne, damit ein
"Schatten" fallen kann!
Chancenlos, ich hab die Meßlatte in
Damp zu hoch gelegt! Andrea
(Kurschatten Damp) wo bist Du?
Ruf aber bitte gelegentlich
(im Büro) an!
Och, das Büro interessiert mich schon
am 2. Tag herzlich wenig!

Beim Abendessen die erste Begegnung mit den Tischpartnern. Gegenüber ein älteres Paar, von dem ich später erfahre, daß es sich um Vater und Tochter handelt. Die Tochter erinnerte mich sogleich an meine "Kur-Oma" in Damp, mütterlich besorgt, erklärte sich sofort bereit, meine Versorgung mit Tee und auch Eßbarem (notfalls an den Diätassistentinnen vorbei) zu übernehmen. Komisch daß ältere Frauen - bei meiner Mutter angefangen - nicht ertragen können, wenn ich hungern muß. Meine Tischnachbarin ist Bremerin mittleren Alters, die Kinder sind aus dem Haus, sie ist auf eigene Kosten hier, weil sie das Gefühl hatte, einmal etwas für sich tun zu müssen. Schön, wenn sie es sich leisten kann - egal, solange sie einigermaßen sympathisch bleibt.

Mittwoch, 14. April
Die erste Begegnung mit meinem Doc. Ein jüngerer, trotzdem recht praktisch denkender Arzt. Meinem Wunsch, mir in der ersten Woche nicht gleich zuviel Behandlungen aufzubrummen (weil mir die Überstunden seit Mitte Dezember doch in den Knochen sitzen), kommt er nach [...]. Außerdem geht er davon aus, daß ich wieder abnehmen will, seine diesbezügliche Frage ist rein rhetorischer Natur. Der Kommentar seiner Vorzimmerdame: "Da werden Sie hungern müssen!" ist zwar wenig aufbauend, [...]!
Das Wetter wechselt beständig zwischen Regenschauer und Sonnenschein. Eine mittägliche Regenpause nutze ich zur Rollifahrt über die Straße auf den Deich. Gleich mal den "behindertengerechten" Strandübergang testen. Okay, bis ans Wasser reicht der Bretterpfad nicht, aber ich kann mir schon eine steife Ostseebrise um die Nase wehen lassen - HERRLICH! Am Nachmittag schon die erste Krankengymnastik. Diese Therapeutin macht einen sympathischen Eindruck und hat fachlich auch etwas drauf - die will ich behalten! Leider stehen auf meinem Therapieplan für den Rest der Woche andere Therapeuten. Egal, teste ich sie halt alle mal durch!
Am Abend schwinge ich mich dann das erste Mal aufs Fahrrad, zwar hatten die Tischkollegen von der Fahrt nach Ahrenshoop aufgrund der momentanen Baustelle abgeraten, aber das mußte ich selbst testen. Erst einmal auf den Deich rauf. Uff, die Gangschaltung braucht dringend einen Tropfen Öl! Nach kurzer Fahrt kam die Baustelle. Egal, ich erinnerte mich an eine Nebenstraße, die war zwar nicht geteert, aber die Betonplatten rührten garantiert noch von Adolf (Hitler). Entsprechend huckelig waren sie mittlerweile auch, trotzdem ließ ich mich nicht entmutigen. Im Gegenteil, ich beschloß auf der Boddenseite zurückzufahren. Keine Ahnung, ob ich die richtige Abzweigung zur Klinik zurückfinden würde, die Wegweiser gaben nur Fernziele in 10, 12 und 15 Kilometern an, die wären am ersten Fahrradabend ein wenig weit, schließlich hatte ich fast ein ganzes Jahr kein Rad gefahren. Auch der Rückweg wurde natürlich immer länger. Vorbei an einem Jagdgebiet kam endlich ein Weg nach links. Ob der zur Klinik führte? Egal, Hauptsache wieder Richtung bewohntes Gebiet! Nach der nächsten Biegung sah ich, daß ich den richtigen Riecher gehabt hatte - ich fuhr direkt auf die Klinik zu. Trotz des wunderbaren Wetters war ich bei der Rückkehr doch etwas erstaunt, als viele Patienten oben auf den Balkonen standen. Plötzlich wußte ich warum, die wollten den Sonnenaufgang nicht verpassen. Also schnell nach oben gewichst und die Kamera scharf gemacht - fast wie früher auf meiner zweiten Heimat, der Nordseeinsel Baltrum, als man noch schnell zur Strandmauer raste, um den Sonnenuntergang zu fotografieren.

Donnerstag, 15. April
Grausam, ich mußte um 7.10 Uhr zur Blutprobe. [...] Da Blutproben für mich sowieso ein großes Greuel sind (,Das ist mein Blut, davon will ich nichts abgeben!'), ahnte ich Böses und fragte [die MTA], ob ihre Kollegin [...] nicht sicherheitshalber meine Hand festhalten solle? Ihre Antwort: ,Wer soll ihren Arm festhalten?' Unnötig zu erwähnen, daß sich sonst niemand mehr in der Nähe aufhielt, aber wenn mich schon eine Blondinne pieksen durfte, dann wollte ich wenigstens mit der zweiten Händchen halten dürfen! Trotzdem (oder gerade deswegen?) schafften die beiden es, mir das Blut abzuzapfen und ich war froh, die beiden ,Hübschen' wieder allein lassen zu können.
Um neun ließ ich dann die obliegatorische Patientenbegrüßung über mich ergehen. Nebenbei erfuhr ich hier, daß die Klinik außerhalb des Hauptgebäudes noch Appartements vermietet, für Leute die nicht ins Hauptgebäude können oder wollen, weil sie z.B. ihre Familie oder ihre Haustiere mitbringen wollen/müssen. Klingeling, hatte mir nicht kürzlich jemand erzählt, daß der Kurantrag seit einem Jahr in der Schublade schlummert, weil es keine Bleibe für den Hund gibt?
Dann der erste Auftritt der Logopädie - ungewöhnlich, Behandlung im Patientenzimmer. Also erst einmal Zimmer aufräumen, bevor der/die Therapeut/-in auflief. Dann aufatmen, zwar knallenge Lederhose aber keine Blondine (jedenfalls nicht erkennbar)! Ihre Aufforderung, mein Problem darzulegen, ließ ich mir nicht zweimal sagen, sondern legte gleich richtig los, um ihr klarzumachen, daß ich ganz gut quasseln kann und ihre Bemühungen höchstwahrscheinlich wenig bringen werden. Mal testen, ob ich damit ihr Fachego beleidigt hatte! <grins> Aber nein, meine Menschenkenntnis hatte mich nicht getäuscht, die Dame erkannte meine Argumente an und bot mir an, die Therapie gar nicht erst anzufangen. Momentmal, so knallhart war das nun auch nicht gemeint - schließlich einigten wir uns auf zwei Einheiten pro Woche. Aber neugierig mußte ich sie gemacht haben, denn sie kündigte an, in eine der nächsten Einheiten mehr über meine berufliche Tätigkeit wissen zu wollen. Immerhin, einen ersten logopädischen Ratschlag hab ich auch schon von ihr bekommen: Ich sei mit breiterem Mund besser zu verstehen, als mit schmalerem Mund. Wenn ich also immer ein freundliches Lächeln im Gesicht hätte, wäre ich besser zu verstehen! Ich werde deshalb in diesen Bericht immer mal ein '<grins>' einbauen, damit ihr diesen Bericht besser lesen könnt!
Beim nächsten Fahrradausflug kam ich wegen starkem Wind nicht weit. Nur bis zum Strand. Der Wind hatte die Ostsee richtig in Bewegung gebracht, die Wellen gaukelten mir fast vor, ich sei 'zu Hause' - an der geliebten Nordsee.
Schade, daß ich bei diesem herrlichen Wetter heute nachmittag Anwendungen hatte. Erst Fango, dann Massage. Prima, die Masseuse war zwar auch blond, hatte aber [...] richtig Kraft in den Fingern! Dann kurze Pause, um diesen Bericht zu vervollständigen und auf zum Test der nächsten Krankengymnastin. Aber was war das? Meine "Favouritin" von letzten Mal rief mich auf?! Hatte sie die Nummer gewechselt und war nun nicht mehr KG5 sondern KG3? Das mußte ich nun aber sofort genauer wissen! Auf meine hartnäckige Frage gestand sie mir dann, daß ihre Kollegin noch recht neu im Beruf sei, und sich meine Behinderung noch nicht zutraue. Prima, unter den Krankengymnastinnen hatte mein Erscheinen also schon für mächtig Unruhe gesorgt! <lautlach> Ich habe ja schon immer behauptet, daß nicht jederfrau mit mir fertig wird! Klasse, daß die wenigstens offen drüber diskutiert und intern getauscht haben, um zu mir das offenbar beste Pferd im Stall ins Rennen zu schicken! Mal sehen, morgen hätte ich auch wieder bei KG3, wer denn morgen sich opfern muß. Ob diese Unruhe unter den Krankengymnastinnen auch der Grund ist, warum ich außerplanmäßig morgen schon wieder zum Doc zitiert bin? <grins>
Nach dem Abendessen steht mir eine schwere Entscheidung bevor. Gehe ich zum Skat- und Rommé‚-Turnier oder schwinge ich mich noch mal aufs Rad? Wer mich kennt, weiß gut, wie gerne ich (der als Einzelkind aufgewachsen ist) die Gelegenheit zum Kartenspielen nutze. Aber heute abend lockte die Sonne doch zu sehr. Nachdem meine Tante (der ich telefonisch zum Geburtstag gratulierte) mir erzählt hatte, daß heute morgen in Bünde Schnee lag, schwang ich mich zu meiner einsamen Radtour auf. Nach einigen Fahrradkilometern über den Deich und durch den Wald, knackt es plötzlich laut unter einem meiner Reifen. Keine Panik, es war nur ein trockner Ast - trotzdem wird mir bewußt, wie aufgeschmissen ich plötzlich wäre, wenn aus einem meiner Reifen die Luft entweichen würde, nicht einmal die Luftpumpe hatte ich dabei! Das würde ein langer, langer Fußmarsch mit knurrendem Magen werden - ab morgen werde ich mindestens mein Handy mitnehmen, auch wenn fraglich ist, ob ich hier in den tiefsten Wäldern einen Funkempfang habe.
Soeben zurückgekehrt, zeigt der Blick in den Spiegel meine krebsrote Stirn und Ohren. Während die Daheimgebliebenen den Schnee verwünschen, hole ich mir den ersten Sonnenbrand!

Freitag, 16. April
Heute war absolut nicht mein Tag - schon beim ersten Anziehen kam ich ins Schwitzen. Zwar bekam ich beim Chefarzt weder eine Abmahnung noch einen Verweis (warum auch?), im Gegenteil, er erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden und meiner Zufriedenheit. Ich nutzte die Gelegenheit, ihm beizubringen, daß ich nicht bereit sei, seine ganze Schar an Krankengymnastinnen durchzutesten. Er wollte sich drum kümmern. Soweit so gut.
Vor Mittag empfing mich dann wieder meine Lieblingstherapeutin, die zwar versucht hatte, sich durch einen Überschlag mit dem Auto zu drücken, aber gottlob unbeschadet aus ihrem Ex-Auto herausgekommen war. Morgen würde sie aber nicht da sein, weil sie übers Wochenende zum Kongreß in Damp sei. Im übrigen war sie heute völlig unzufrieden mit mir. Das sei wohl der berühmt, berüchtigte "3. Tag". Auch der heutige Masseur (mein erster männlicher Therapeut!) beklagte sich, ich sei nicht entspannt genug. Trotz herrlichem Sonnenschein war ich noch nicht länger draußen gewesen und fühlte mich auch zu schlapp, um noch eine Runde mit dem Radel zu drehen. Im Therapieplan für nächste Woche steht nun tatsächlich nur noch eine Krankengymnastin von Montag bis Freitag. Aber welche? Nämlich die KG3, das Greenhorn, das vor mir zurückschreckt! Also würde die nächste Woche diesbezüglich ebenfalls unbestimmt weitergehen. Vor dem Abendessen gab ich mir dann doch einen kräftigen Ruck und zog mir wenigstens richtige Klamotten an. Aber was dann? Zum "Tanzbein schwingen" zog mich bestimmt nichts hin, außerdem lachte die Sonne draußen immer noch. Trotzdem ich meine Radelleistung nach den 5 und 8 Kilometern vorgestern und gestern heute bestimmt nicht steigern würde, setzte ich mich noch einmal auf den Tretesel. Mein Ziel, im Laufe der Kur mindestens einmal bis Born zu fahren (Entfernung 9 km) zu fahren und mich dort mit einem Pils zu belohnen, würde ich zwar heute nicht näher kommen, aber ich hatte wenigstens noch 4 km Sauerstoff getankt. Allerdings endete der Tag - trotz erneuten herrlichen Sonnenuntergang - wie er begonnen hatte, es sollte nicht mein Tag sein. Ich bekam nämlich beim Versuch, meine D1- Karte vom Autotelefon ins Handy zu stecken, diese noch kaputt. <nichtgrins>

Samstag, 17. April
Heute steht nur Krankengymnastik auf dem Programm, bevor das Wochenende beginnt. Leider gießt es draußen in einer Tour, so daß Fahrradfahren ohnehin keinen Spaß machen würde. Ich lege deshalb einen "Autotag" ein. Vor dem Mittag düse ich eben nach Rostock, um mir eine neue Handy-Karte zu ordern und nachmittags führt mich die Tour nach Stralsund. Da es abends immer noch aus Eimern gießt und mich die angebotene Modenschau mitten unter lauter Omis wenig reizt, beschließe ich den Tag mit einer warmen Dusche und einem Lese- und Fernsehabend zu beschließen.

Sonntag, 18. April
Heute hatte ich mich vom Mittagessen abgemeldet, weil ich überlegt hatte, den ganzen Tag zu nutzen, um eine ehemalige Kollegin mitsamt ihrer Familie in Berlin zu besuchen. Angesichts einer Entfernung von ca. 300 km setzt aber doch noch rechtzeitig der Verstand ein und gibt der Erholung dem Vorzug. Da das Wetter weiterhin recht ungastlich ist, wird trotdem ein zweiter Autotag draus. Die "kleine Tour" führt mich über Rostock-Warnemünde ganz an der Küste lang bis zur Halbinsel Poel. Herrliches Fleckchen Erde hier und da ich im Jahr der Wende das erste Mal hier war, fallen mir besonders die Veränderungen auf. Hier kann man richtig sehen, wohin die Solidaritätsbeiträge unsereiner hingefloßen sind. Im Straßen- und öffentl. Hausbau hat sich allerhand getan, auch wenn es noch längst nicht die Kohl'schen "blühenden Landschaften' sind. Bei Rückkehr um drei pfeift der Wind immer noch lausig kalt, so daß ich schon anfange, meine Korrespondenz zu schreiben, schließlich hoffe ich noch auf 3 Wochen Sonnenschein, dann hab ich zum Schreiben auch keine Lust. Aus diesem Gründe beschließe ich auch, diesen Kurbericht morgen abzuschließen, dann ist eine Woche um und den Rest könnt ihr in Eurer Phantasie weiterspinnen. Eine Ergänzung gibt's nur in besonders dramatischen Situationen (Schneefall, Langeweile, etc.).
Jetzt gehe ich jedenfalls erst noch einmal in den lausig kalten, aber trocknen Wind.

Montag, 19. April
Heute geht es nicht nur dem Wetter, sondern auch mir besser. Es ist zwar noch lausig kalt aber trocken und sonnig. Nach dem Frühstück beginnt das "Muskelentspannungstraining", ich bin gespannt, ob ich die fünf Termine ohne Einschlafen übersteh (hilf nämlich angeblich auch bei Einschlafproblemen). Bei der Krankengymnastik sind wir nicht mehr allein, sondern eine zweite Therapeutin mit ihrer Patientin im Raum, erst nachher erfahre ich, warum - offenbar war die zweite Therapeutin die KG3, die wohl langsam an das Raubtier F.W. <grins> gewöhnt werden soll. Zur Versöhnung schlägt mir meine Therapeutin eine Therapiestunde in der Schwimmhalle vor - lerne ich doch noch mal das Schwimmen wieder?

Abschluß
Die Rehaklinik Ahrenshoop ist kleiner und beschaulicher als Damp. Damp bietet als Schickeria-Jachthafen ein größeres Freizeitangebot. Wer ständig Rummel, Treiben, Kneipen, Tanzschuppen etc. um sich herum benötigt, ist in Damp besser aufgehoben. Wer es lieber beschaulich mag und auch der Einsamkeit positive Seiten abgewinnen kann, der fühlt sich in Ahrenshoop wohler. Ich bereue meine Wahl jedenfalls noch nicht!

So, nun nehme ich noch alle spitzen Pfeile gegen Blondinnen, Ossis, Ärzte, Therapeutinnen und 'was weiß ich' mit einem Ausdruck des unaufrichtigen Bedauerns zurück und gratuliere all denjenigen, die bis hierher gelesen haben ohne einzuschlafen! [...]

Ahoi,

Frank aus OWL