Buende, am Montag den 05. April 1999

Hallo Leute,
folgenden Bericht habe ich in der MAUS-Gruppe HANDICAP gepostet:

Trotzdem Anja Born nun mittlerweile seit fast zwei Jahren nur noch mit einigen "Eintagesfliegen" in dieser Gruppe aufgetreten ist, können die Insider sich ja wahrscheinlich noch an sie erinnern. Daß sie sich auch noch gut an die Handicapper erinnert, zeigte ja vor kurzem die Tatsache, daß sie ihren Männe Olaf beauftragte, in dieser Gruppe die Geburt ihrer Tochter Maike bekanntzugeben. Deshalb gehe ich davon aus, daß einige sich für den nachfolgenden Bericht interessieren werden:

Während eines Telefonats Ende Februar berichtete Anja mir, daß ihre Tochter am 4. April im Osterfrühgottesdienst (Beginn 6.00 Uhr) getauft würde. Gastfreundlich wie immer lud sie mich auch gleich spontan ein, doch am Tag zuvor zu ihnen zu kommen und die Taufe mitzufeiern. Immer noch von der frühen Uhrzeit geschockt, lehnte ich ihre Einladung - höflich, aber bestimmt - ab, denn ich malte mir bereits aus, daß ich so früh in der Nacht schwerlich Streichhölzer zwischen die Augen bekäme, um diese offenzuhalten.

Trotzdem mahlten bereits während unseres Telefongespräches meine grauen Zellen auf Hochtouren, denn neugierig war ich doch geworden und noch vor Auflegen des Telefonhörers stand für mich fest, daß ich am Ostersonntag um 6 Uhr in Bad Homburg sein würde. Es sollte aber nun eine Überraschung für die Borns werden!

Und genau damit begannen meine organisatorischen Probleme. Eine Anreise von Zuhause würde bei einer Fahrzeit von ca. 3,5 Stunden eine Abfahrt um spätestens 2 Uhr bedeuten und damit wäre meine Müdigkeit für den Ostersonntag vorprogrammiert gewesen. Also mußte ich mir in der Nähe von Bad Homburg eine Übernachtungsmöglichkeit besorgen - allerdings bestände in einer Pension oder in einem Hotel ein neues Problem: Das Wecken in der Früh! Aufgrund meines tiefen Schlafs und meiner hochgradigen Schwerhörigkeit kann ich mich weder telefonisch wecken lassen, noch einen Radiowecker benutzen. Bei einem recht lauten Radiowecker wären die Chancen groß, daß die gesamte Pension hellwach wäre und ich direkt neben dem Wecker weiter dem Tiefschlaf frönen würde. Auch andere Hilfsmittel wie Licht- oder kleinere Vibrationswecker funktionieren gegen meinen festen Schlaf nur äußerst unzuverlässig. Und den großen Vibrationswecker, den ich zuhause im Lattenrost eingebaut habe, kann ich schlecht auf Reisen mitnehmen. Also fiel eine fremde Übernachtungsstätte für meinen Plan ebenfalls flach. Glücklicherweise wollten meine Eltern über Ostern zu Bekannten ins Rheinland. Von dort war es nur noch eine knappe Stunde nach Bad Homburg und die "alten Herrschaften" würden mich auch (ausnahmsweise) mitten in der Nacht wecken, wenn sie denn selbst ihren Wecker hören würden.

Nun das nächste Problem, in welcher Kirche fand die Taufe statt und wo fand ich des Nachts diese Kirche? Anja hatte den Namen der Kirche zwar gesagt, aber mein Arbeitsspeicher war in dem Moment mit anderen Überlegungen beschäftigt gewesen. Nur die Tatsache, daß es dieselbe Kirche sei, in der sie geheiratet hatten, war hängengeblieben. Allerdings kannte ich Anja und Olaf zum Zeitpunkt ihrer Heirat noch nicht und war durch diesen unglücklichen Umstand damals nicht persönlich zur Hochzeit eingeladen. ;-() Also hatte ich weder eine Einladungskarte noch eine Wegbeschreibung von damals. Aber auch dieses Problem mußte sich lösen lassen. Aber wie, ohne daß die Borns von meiner geheimen Kommandosache Wind bekamen? Hier in der Gruppe (die damals eingeladen war) öffentlich zu fragen, fiel deshalb flach. Ich glaubte auch nicht, daß jemand aus dem hiesigen harten Kern die Einladung von damals aufbewahrt hatte. Also mußte ich jemanden aus Anja und Olafs näherer Umgebung fragen. Aber wer würde "dicht" halten? Waren die Freundinnen nicht vielleicht zu geschwätzig? ;-))) Schließlich fiel meine Wahl auf einen guten Freund der Born-Family, den ich selbst auch von einem gemeinsamen Urlaub persänlich kannte. Er würde dicht halten, da war ich mir sicher, um die letzten Unsicherheiten auszuschließen, wurde er sogar zum Stillschweigen gegenüber seiner Freundin (die wiederum Anjas Freundin ist) verdonnert. :-)))

Kurze Anfrage per Mail und ich bekam eine von Borns selbst formulierte Wegbeschreibung zur Kirche. :-)))

Wie gesagt, getan, mit den Eltern mitgereist und das frühmorgentliche Osterabenteuer konnte beginnen. Trotz gutem Wein am Abend war ich bereits um 3.30 Uhr wach und hatte genügend Zeit, mich in Schale zu schmeißen und mich um 4.45 Uhr auf den Weg zu machen. Während des Anziehens konnte ich aber sehr gut die Flüche des Opa Murscheid nachvollziegen, als seine Tochter ihm die Uhrzeit des Taufgottesdienstes mitteilte.

Die sonst vielbefahrene Bundesstraße 9 am Ufer des Rheins war leer. Ein einziges Auto kam mir während der ersten 15 Kilometer entgegen. Die Autobahn Richtung Mainz, Wiesbaden und dann Frankfurt - wie leergefegt. Ein irre cooles Fahrgefühl, als einziges Auto auf einer zehnspurigen Autobahn! Bloß diese blöden Schilder mit Zahlen wie 100, 80 oder 60 mit einem roten Kreis drumrum waren echt nervig - sie mögen zur Rushhour ihre Berechtigung haben, aber nicht am frühen Morgen! Aber es half nichts, schließlich wollte ich nicht meinen Führerschein riskieren und irgendwelchen verschlafenen Polizeibeamten eine willkommende Abwechselung in ihrem verhaßten Nachtdienst bescheren!

So wurde die Zeit doch noch knapp. Dieses hatte allerdings den Vorteil, daß ich sämtliche Tarnungsmaßnahmen unterlassen konnte - die Borns mußten bereits in der Kirche sein! Ich hatte Glück und fand direkt vor dem Eingang noch eine Lücke zum Parken. Wahrscheinlich hatte sich niemand aus Sorge um die Kotflügel des eigenen Autos getraut, dort direkt auf der Ecke zu parken - aber egal, es war 5.55 Uhr!

Nun began mein Osterabenteuer erst richtig. Da ich mich selbst mit den Gepflogenheiten meiner heimatlichen Kirchengemeinde jahrelang kritisch auseinandergesetzt habe und mich dann einer von der Landeskirche unabhängigen Gemeinde angeschlossen habe, war der Besuch des Gottesdienstes für mich keine bloße "Pflichtübung", sondern eine mit Spannung erwartete Begegnung mit Christen einer Kirchengemeinde anderer lokaler und örtlicher Prägung.

Im Eingang bekam ich das Programm und eine weiße "Weihnachtsbaum-"Kerze ausgehändigt und stolperte blinzelnd in die stockdunkle Kirche. Als Fremder konnte ich zunächst nicht einmal die Anordnung der Bankreihen erkennen, so finstern war es in der Kirche, da nutzte mir die nichtbrennende Kerze in der Hand auch wenig. Vorsichtig versuchte ich mir einen ersten Überblick zu verschaffen und gab meine Hoffnung bereits auf, in dieser Finsternis irgendjemanden erkennen zu können.

Aber was braucht man, wenn man als FREMDER in einer stockfinsteren Kirche steht? Ein Feuerzeug? Falsch geraten! Einen Engel natürlich! Genauso habe ich es empfunden, als plötzlich eine bekannte Gestalt namens Anja aus dem Dunkel auf mich zutrat, mich vorsichtig ansprach und zur Begrüßung umarmte. Richtig wohltuend, in dieser Finsternis nach vorne geführt und an einen Ehrenplatz direkt hinter dem Täufling geleitet zu werden! Für weitere Erklärungen blieb keine Zeit, nachdem ich jetzt an meinem Platz war, konnte der Ostergottesdienst beginnen! <schmunzel>

Ich erlebte einen für mich sehr ungewohnten Gottesdienst, schon der Einzug der Osterkerze - begleitet vom Pastor und seinen Helfern, die in weißen Gewändern gekleidet waren (später erfuhr ich, daß diese Gewänder nur für die Osternacht verwendet wurden)-, erinnerte mich eher an eine Prozession als an den gewohnten Gottesdienst. Nun wurde es aber allmählich heller, als von der Osterkerze das Licht an alle Kerzen der Besucher weitergegeben wurde. Sogar einen praktischen Kerzenhalter für jeden Besucher hatte man an die Kirchbänke gehängt. Der übrige Verlauf des Gottesdienstes war sehr stark von Traditionen und klassischen Formalien geprägt, die mir aus meiner jetzigen Heimatgemeinde so nicht (mehr) geläufig sind. Olaf hatte es sich natürlich auch beim Taufdienst seiner Tochter nicht nehmen lassen, im Chor mitzusingen und als einer der Solosänger das Osterlob vorzutragen. Während der Taufe konnte Maike natürlich gar nicht verstehen, warum sie denn nun 'mitten in der Nacht' schon zum zweiten Mal mit Wasser in Berührung kam. Hatte Mama sie nicht eben erst gewaschen? Der Gottesdienst nahm seinen Verlauf und ich wurde durch die langsam durch die schönen Kirchenfenster brechende Morgendämmerung für das frühe Aufstehen belohnt.

Nach dem Gottesdienst gab es im Gemeindehaus ein kleines Osterfrühstück und ich konnte beginnen, mir die einzelnen Taufgäste aufgrund früherer Erzählungen zusammenzupuzzeln. Opa Murscheid war am einfachsten zuzuordnen, denn bei keinem anderen (außer Mama und Papa) fühlte Maike sich so wohl auf dem Arm. Die beiden Omas ließen sich auch recht schnell zuordnen. Bei den übrigen "Jungvolk" wurde es dann schon schwieriger - spricht nicht gerade für mich, daß ich ausgerechnet bei den auch in dieser Gruppe bestens bekannten Heckl-Sisters der größten Verwechselung aufgesessen bin, aber das tat der guten Stimmung keinen Abbruch.

Überflüssigerweise <grins> lud mich Anja dann auch noch zur weiteren Feier nach Hause ein (die Gute glaubte doch nicht im Ernst, daß ich um 7.30 Uhr schon wieder abbrauste? ;-]]]) und der Tag nahm seinen weiteren Verlauf.

Weil das Frühstück im Gemeindehaus um sieben - nicht nur mir - unmöglich bis zum Mittag reichen konnte, hatten unsere Gastgeber vorgesorgt und bewirteten uns weiterhin mit leckeren Häppchen. Um zehn Uhr war dann für die "Großen" ein Verdauungsspazierung und für die "Kleinen" Osterhasensuchen angesagt. Überflüssig zu erwähnen, daß das "Küchenpersonal" die Gelegenheit nutzte, ein leckeres Mittagessen zu zaubern.

Nach dem Mittagessen wurden dann allerdings die Augen aller sehr schwer. Die Kleineren ließen sich deshalb nahezu widerstandlos von ihren nicht minder müden Eltern in die heimatlichen Gefilden abführen. Auch ich sah mich außerstande, daß anschließende Kaffeetrinken noch "mitzunehmen" und verabschiedete mich mit dem Versprechen des Wiederkommens ;-=) bei den Gastgebern.

Ich habe mein nächtliches Aufstehen jedenfalls nicht bereut. Ich hoffe, daß Anja und Olaf trotz der damit verbundenen Mühen den Ehrentag ihrer Tochter immer in guter Erinnerung behalten und daß der Taufspruch erfüllt wird:

Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein.
1. Mose 12, 2

So viel zu meinem Ostererlebnis

Frank

Hier noch ein späteres Foto von meiner derzeit jüngsten Freundin:

Nach meinem Besuch im Oktober 2001 ging Maike mit ihrem Papa zum Drachenfest. Die Lokalpresse berichtete darüber.