Bünde, im November 1996 & Januar 1997
Hallo Leute,
ich möchte es nicht versäumen, einen Reisebericht über eine
Woche Bildungsurlaub mit der Volkshochschule Köln unter dem
Thema *Selbstbestimmt leben für behinderte Menschen in
Dänemark* vom 28.10. - 2.11.1996 zu veröffentlichen.
Die Reise war vom Themenkreis Behinderung der VHS ausgeschrieben
worden und 15 Behinderte überwiegend aus Köln und Umgebung
fuhren mit 6 Betreuer/innen und mehr oder weniger
hochgeschraubten Erwartungen im rollstuhlgerechten Bus des ASB
Köln los. Über Bremen, Hamburg ging es nach Puttgarden. In der
Fähre der Vogelfluglinie dann das erste Handicap. Der Platz im
Busdeck reichte nicht aus, um die Rollstühle über den extra am
Bus angebauten Lift rauszulassen. Ich hoffe, daß die
Kollegen/innen während der Überfahrt nicht allzuoft an
Fährunglücke etc. denken mußten (Ablenkung bot vielleicht das
unmittelbar vor dem Bus stehende Auto der dänischen Königin,
die wir dann an der Grenzstation sogar "life" sehen
konnten, als sie ihr Auto wieder bestieg), ich als Fußgänger
war jedenfalls froh, an Deck frische Luft schnappen zu können.
Nach der abendlichen Ankunft in Kopenhagen dann die nächste
Überraschung: Hotel Cab Inn entpuppte sich als Hotel
"Kabin", enger sind die Kabinen auf den Fährschiffen
auch nicht mehr! Wenigstens die "rollstuhlgerechten"
Zimmer waren geräumiger und hatten größere Badezimmer. Als
dann noch von offizieller Seite berichtet wurde, daß dieses
Hotel, das einzige direkt in Kopenhagen sei, das genügend
Rollstuhlzimmer bereitstellen konnte, bekam das Bild des
"gelobten Landes für Behinderte" seinen ersten
Kratzer.
Am Montag dann ein Empfang im dänischen Sozialministerium. Nanu,
was war denn das für ein behindertengerechter Eingang? Zehn
Treppenstufen - achja, da war ja noch dieser Treppenlift, dessen
Technik ich auch nicht auf Anhieb verstand, da ich mein
dänisches Wörterbuch nicht dabei hatte, so daß eine halbe
Stunde vergangen war, bis unsere 10 Rollstühle im Gebäude
waren. Im Sitzungsraum gestand uns die Referentin dann beschämt
ein, daß der Raum der einzige sei, der für
Rollstuhlfahrer/innen benutzbar sei, alle anderen seien in den
oberen Etagen und der "Elevator" (dän. Fahrstuhl) sei
für Rollstühle zu schmal! Tief Luft geholt, weil mir dieser
Mißstand bei meinem eigenen Dienstherrn immer sauer aufstößt
und dessen Behörde ist nur eine "kleine"
Kreisverwaltung, während ich jetzt im obersten dänischen
Sozialministerium war!
Der erste Vortrag über die Integration Behinderter in der
Gesellschaft durch einen Vertreter des Elternverbandes für
Behinderte war für die Mehrzahl der Mitreisenden weniger
interessant, weil sich dieser Elternverband als dänisches
Gegenstück zur Lebenshilfe in Deutschland entpuppte, was aus
Sicht der meisten Mitfahrer weniger zum Thema unserer Fahrt
paßte. Ich konnte diesem Vortrag den positiven Aspekt entnehmen,
daß es in Dänemark den Begriff 'geistigbehindert' nicht zu
geben scheint, sondern dieser Personenkreis dort als
'lernbehindert' bezeichnet wird, was - meiner Meinung nach - der
Behinderung in den meisten Fällen gerechter wird, weil die
allermeisten sogenannten Geistigbehinderten durchaus einfache
Sachzusammenhänge erkennen und verstehen können, wenn sie ihnen
mit der nötigen Geduld und Ausdauer beigebracht werden. Klar ist
mir aber auch, daß den hiesigen Lernbehinderten sicherlich
weniger gefallen würde, wenn ihr Personenkreis nicht mehr von
den sogenannten Geistigbehinderten differenziert würde.
Der zweite Vortrag paßte hingegen haargenau zum Thema unserer
Fahrt. Eine an MS erkrankte Frau, die als eine der ersten in
Dänemark das Arbeitgebermodell für ihre Assistenz durchgesetzt
hat, berichtete sehr kompetent über dieses Modell in seiner
dänischen Ausgestaltung. Dort können die Assistenten
unabhängig von einer Mindeststundenzahl und unabhängig vom
Alter des Behinderten beschäftigt werden. Erforderlich ist die
Genehmigung der Kommune als Kostenträger. Die Assistenten sind
krankenversichert, erhalten Kranken-/Urlaubsgeld, aber die
Bezahlung ist relativ gering (Monatslohn unter dem einer
Krankenschwester und damit unter dem Durchschnittseinkommen),
d.h. von den Assistenten wird eine gehörige Portion Idealismus
verlangt. Die Beschäftigung von Familienmitgliedern ist
möglich.
Am Nachmittag besuchten wir dann die Wohngemeinschaften der
Gemeinde Ballerup. In Dänemark sind die Kommunen verpflichtet,
auf Antrag von fünf Behinderten der Kommune einen geeigneten
Wohnraum für eine Wohngemeinschaft zur Verfügung zu stellen
(gegen Mietzahlung). Die fünf Antragsteller müssen aber
verschiedene Kriterien erfüllen, um diesen Anspruch geltend
machen zu können - z.B. müssen sie nachweisen, daß sie ihr
Personal eigenständig verwalten können (Einstellung, Zahlung
von Urlaubs- und Krankengeld - alle Arbeitgeberpflichten halt).
Außerdem wird von jedem WG-Mitglied ein
"Gesellschaftsanteil" verlangt, d.h. sie müssen
nachweisen, daß sie 30 Stunden pro Woche in unterschiedlicher
Form (Mitarbeit in Vereinen, Verbänden, in der WG, etc.) in die
Gesellschaft einbringen.
Als Gegenleistung bekommen die Bewohner eigens für diesen Zweck
gebaute Bungalows, die zentral großzügig bemessene
Gemeinschaftsräume (Wohnraum, Eßzimmer, Küche) für die ca. 6
Bewohner und für jeden Bewohner eigene Appartments beinhalten.
Es gab Wohngemeinschaften, in denen diese Appartements nur aus
einem Wohn-/ Schlafraum und einem großzügigen eigenen
Badezimmer bestanden, andere hatten ein separates Schlafzimmer
zusätzlich, wieder andere hatten sogar eine kleine Kochnische.
In fast allen Vorträgen wurde das dänische System der
"Frührente" erläutert. Für deutsche Ohren klingt es
natürlich verheißungsvoll, wenn die Dänen berichten, daß in
Dänemark jeder Behinderte, der dem regulären Arbeitsmarkt nicht
zur Verfügung steht, eine Rente von umgerechnet ca. 4.000 DM
bekommt. Wenn man aber berücksichtigt, daß davon *alle* Kosten,
und zwar Miete, Pflege und alle Lebenshaltungskosten bestritten
werden müssen, was bei den höheren Lebenshaltungskosten in
Dänemark im Durchschnitt mit der behinderungsbedingten Betreuung
umgerechnet ca. 3.600 DM ausmacht, dann bleibt von dieser
sogenannten Frührente nicht mehr zu viel übrig. Ein
wesentlicher Vorteil scheint mir allerdings zu sein, daß das
Geld vom Behinderten zielgerechter eingesetzt werden kann. Er
selbst kann (zumindest "mit-") entscheiden, für welche
pflegerische Leistung er mehr Geld ausgibt und welches
"Pflegemodul" er nicht bezahlt, weil er diese
Dienstleistung womöglich gar nicht oder in reduzierter Form
braucht. Im Rahmen gewißer Regeln kann dieses zwischen
Behinderten und Pflegedienst frei vereinbart werden. Am zweiten
Tag unserer Dänemark-Woche besuchten wir eine sogenannte
"Volkshochschule für geistig (= Lern-)Behinderte".
Diese Schule bietet ihren Klientels zehnmonatige Kurse an, für
deren Dauer sie sich alle drei Jahre von ihrer sonstigen
Beschäftigung in den Werkstätten beurlauben lassen können. Die
Inhalte dieser Kurse sind kreativer und künstlerischer Natur.
Nachmittags wurde auf eigene Kosten eine Stadtrundfahrt in
Kopenhagen angeboten.
Am Mittwoch fuhren wir nach Hillerod, um dort eine solche neue
Wohnanlage für schwer Körperbehinderte zu besichtigen. Dort
konnten wir uns zwar mit einer Bewohnerin des Hauses unterhalten,
die zu diesem Zeitpunkt im Haus und nicht auf ihrem Arbeitsplatz
(in einer Einrichtung) war - durch ihre spastische und natürlich
dänische Aussprache war für uns "kritischen" Gäste
allerdings nicht immer ersichtlich, ob die Antworten, die uns
übersetzt wurden, immer dem Wortlaut der Bewohnerin entsprach,
oder was vom Dolmetscher, einem Vertreter der Kommune,
(sicherlich gut gemeint) ergänzt bzw. weggelassen wurde. Dann
hatten wir unseren einzigen freien Nachmittag, den ich zu einem
Bummel durch die Einkaufsstraßen von Kopenhagen nutzte.
Donnerstag war der erste Programmpunkt ein Besuch im
"Lionskollegiet", einer vom Lionsclub getragenen
Rehaeinrichtung für Unfallgeschädigte. Der Verdacht, daß wir
aufgrund der Organisation des Besuchsprogramms durch das
dänische Sozialministerium überwiegend vorzeigenswerte
Einrichtungen zu sehen bekamen, verstärkte sich in dieser
Einrichtung besonders. Zur Rehaeinrichtung gehörte ein vom
Lionsclub finanziertes Haus-TV-Programm, auch die Einrichtung
ließ vermuten, daß nicht alle Einrichtungen in diesem Stil
eingerichtet sind, den hier 77 Personen für ca. 2 Jahre in
Wohngruppen von 6 bis 12 Personen nutzen.
Auch unter "Aktivitätscenter", daß wir anschließend
besuchten, hatten wir uns etwas anderes vorgestellt. Die
sogenannten "Aktivisten" entpuppten sich nicht etwa als
besonders aktive Behinderte, die politische oder kulturelle
Ideen, Vorschläge oder Wünsche entwickeln und umsetzen, sondern
waren lediglich Besucher einer ambulanten Freizeiteinrichtung
für Behinderte, wie sie hier in Deutschland vielfach in den
Einrichtungen integriert sind. Bei der dezentralen Unterbringung
in einzelnen Wohngruppen etc., wie sie vom dänischen Modell
(nach meiner Meinung zu Recht) bevorzugt werden, müssen solche
Angebote dann eben ambulant angeboten werden. Ich wurde
allerdings beim Rundgang immer an die Freizeitwerke der hiesigen
Behinderteneinrichtungen erinnert. Großartige Unterschiede
hierzu konnte ich im "Aktivistencenter" nicht
entdecken. Am letzten Tag stand dann noch - sozusagen als
Kontrast - ein Besuch in einer älteren Einrichtung des
dänischen Spastikerverbandes auf dem Plan, die in dieser Form
(nämlich mit zentraler Unterbringung mit höchstens einem Zimmer
für jeden Bewohner) in Dänemark nicht mehr entstehen. Mein
Bedarf an "Zooführungen", von einigen
Einrichtungsbewohnern hierzulande auch "Affenschauen"
genannt - sprich Besucherrundführungen - war allerding schon
nach drei Tagen gedeckt, so daß ich hiervon nicht mehr das
meiste berichten kann.
Auf Wunsch vieler Mitfahrer wurde anschließend noch der
"Freistaat Christiania" angefahren, ein autonomes
Stadtviertel von Kopenhagen, dessen Bewohner eine alternative
Lebensform weitgehend unbehelligt vom dänischen Staat
praktizieren. Der dortige freie Verkauf von Hasch, das
Fotografierverbot und die für Rollstühle weitgehend nur unter
Schwierigkeiten befahrbaren Wege ließen mich schnell
"abdrehen" und einen weiteren gemütlichen Bummel durch
die Kopenhagener Innenstadt einlegen. Am Abend stand uns dann auf
meinen Vorschlag hin eine weitere Odysseus bevor. Ich hatte
wagemutig einen gemeinsamen "Abschiedsabend"
vorgeschlagen. Da uns die ersten Tage keine gemütliche Kneipe
durch ihren behindertengerechten Eingang ins Auge gefallen war,
hatten wir uns in einem türkischen Lokal angemeldet, das
allerding durch zwei Stufen von der Außenwelt getrennt wurde.
Weil ich selbst meinen Rollstuhl nur zur Überwindung längerer
Fußstrecken benutze (zu Hause überhaupt nicht, weil ich hier
schneller und bequemer mit dem Auto mein Ziel erreiche) wurde mir
erst hier bewußt, wie kompliziert es werden kann, wenn Leute mit
E-Rollstuhl, die aufgrund ihrer Behinderung oder aufgrund ihrer
körperlichen Konstitution auch mit starken Helfern nicht mal
gerade aus dem Rollstuhl gehoben werden können, über zwei
Stufen müssen. Nach zweitägiger Hin- und Herüberlegung, dem
Abklappern von Baustellen etc. konnte eine Rampe zusammengestellt
werden, die sich als tragfähig genug erwies, unsere
"Schwergewichtler" zu tragen.
Am Samstag ist dann eine interessante, beeindruckende und
erlebnisreiche Woche viel zu schnell zu Ende gegangen.
Als zusammenfassendes Fazit, das sich während unseres Wiedersehenstreffens mit fast allen Teilnehmern am letzten Wochenende auch noch verstärkte, hat sich bei mir der Eindruck verfestigt, daß es in Dänemark viele lobenswerte Ansätze gibt (Frührente, dezentrale Wohnungen, etc.), das die Behinderten dort aber auch ihre Probleme und Nöte mit Anerkennungen, Anträgen, etc. - eben dem so oft verfluchten Behördenkram - haben und daß die behindertengerechte Ausgestaltung des Umfeldes (Bordsteinabsenkungen, rollstuhlgerechte Eingänge, Behindertentoiletten) in Dänemark genauso zu wünschen übrig läßt, wie in den meisten deutschen Städten. Vermißt haben wir während dieser Fahrt Kontakte zu einer Selbstbestimmt-Leben-Bewegung oder einer anderen unabhängigen Verbandsform. Ob diese in Dänemark nicht in der hier gewohnten Weise (ISL, etc.) vorhanden ist, oder ob die Reisevorbereitung durch das dänische Sozialministerium solche Kontakte einfach "übersehen" hat, blieb uns unklar.
Alles in allem war ich begeistert von dieser Bildungsreise. Daß das Gesamtfazit der anderen Reiseteilnehmer ebenfalls positiv ist, belegt die Tatsache, daß sich von 21 Teilnehmern 17 zum Wiedersehenstreffen wieder zusammenfanden.
AHOI,
Frank Winkelmann
PS: Dieser Bericht wurde "frei nach Schnauze" und aus der hohlen Erinnerung geschrieben, lediglich das schriftliche Programm diente als Leitschnur. Somit lassen sich Fehler nicht gänzlich ausschließen, auch Verwechselungen eines Programmpunktes mit einem anderen sind nicht ausgeschlossen - sicher ist nur: Die Fahrt hat tatsächlich stattgefunden und war klasse! Ansonsten gilt: Alle Angaben ohne Gewehr!